Die physiologische Perspektive: Stress – ein (über-) lebensnotwendiges Programm unserer Gene
Als Vater der modernen Stressforschung gilt Hans Selye und er war auch der erste, der die körperliche Stressreaktion systematisch untersuchte. Stress ist kein Spezifikum der modernen Zivilisationsgesellschaft. Er gehört primär zu den Grundbedingungen menschlicher Existenz und ist ein uraltes Programm unserer Gene.
Der Sinn der Stressreaktion ist ursprünglich die Lebenserhaltung durch einen reflexartigen Angriffs- und Fluchtmechanismus. Die Stressreaktion ist folglich ein natürlicher Überlebensmechanismus, der beim Menschen vorprogrammiert ist. In Gefahrensituation ist es dem Organismus möglich, sekundenschnell Energiereserven zu mobilisieren. Innerhalb kürzester Zeit ist der Mensch kampf- oder fluchtbereit. Dieser Vorgang wird als Alarmreaktion des Körpers bezeichnet und läuft automatisch, reflexartig und unbewusst ab.
Biologische Prozesse der Stressreaktion
Die in unserem Körper ablaufenden Stressreaktionen laufen nach einem festgelegten Muster ab. Bei dem Stressvorgang wird ein höchst komplexer dreistufiger Reaktionsmechanismus, bei dem verschiedene Körperfunktionen ähnlich wie bei der Kampf- und Fluchtreaktion ablaufen. Nach Selye (1981) läuft die körperliche Stressreaktion immer nach dem folgendem Schema ab:
Alarmreaktion
Der Organismus weist die für die erste Einwirkung des Stressors charakteristischen Veränderungen auf. Es kommt zu einer Aktivierung des Sympathikus. Dies hat zur Folge dass das Hormon Adrenalin ausgeschüttet wird.
Phase der Resistenz (Widerstandphase)
Das Widerstandsniveau gegen den Stressor steigt deutlich über das Normalniveau an.
Phase der Erschöpfung
Kommt es zu einer Einwirkung des gleichen Stressors, an welchen sich der Organismus bereits angepasst hat, über längere Zeit anhält, erschöpft sich schließlich die Anpassungsenergie.
Die wichtigste Erkenntnis Selyes ist, dass der Organismus auf Stress immer mit der gleichen Art und Weise reagiert. Es kann also sehr unterschiedliche Stressoren geben, aber es gibt nur eine Art und Weise der Stressreaktion. Stress ist demnach eine unspezifische Reaktion des Organismus auf jegliche Anforderung. Unser vegetatives Nervensystem spielt bei dieser körperlichen Stressreaktion eine entscheidende Rolle. Es besteht aus zwei großen Gegenspielern: dem Sympathikus und dem Parasympathikus
Sympathikus
Die Sympathikusaktivierung versetzt den Körper in eine hohe Leistungsbereitschaft und bereitet ihn auf außergewöhnliche Anstregungen vor. Im besonderen Maße bei Agriffs- und Fluchtverhalten. In diesem Zusammenhang wird das Hormon Adrenalin ausgeschüttet, dessen Hauptfunktion in der Anpassung des Herzkreislaufsystems und des Stoffwechsels an stressbedingte Belastungen hat. Physiologische Reaktionen sind u.a. die gesteigerte Herzfrequenz, der Blutdruck steigt, die Muskulatur spannt sich an, die Luftröhre und die Pupillen weiten sich. Zusätzlich bewikrt die Ausschüttung des Adrenalins die Bereitstellung von Zucker und Fetten für den höheren Energiebedarf. Alle Körperfunktionen, die nicht für eine schnelle Reaktion auf diesen Reiz erforderlich sind, werden herunter gefahren. Unter anderem werden die Schmerzwahrnehmung gehemmt und die Verdauung verlangsamt. Neben Adrenalin wird durch die Aktivierung des Sympathikus auch der Neurotransmitter Noradrenalin ausgeschüttet. Ebenfalls wie das Arenalin bewirkt dieser Transmitter die Steigerung des Blutdrucks und steuert die mentale und physische Stressanpassung. Es steigert die Motivation, die Aufmerksamkeit und die geistige Leistungsbereitschaft.
Parasympathikus
Der Gegenspieler des Sympathikus ist der Parasympathikus. Durch ihn werden alle Vorgänge hervorgerufen, die Ruhe, Erholung und Regeneration begünstigen. Der Parasympathikus aktiviert Systeme des Wachstums und der Reproduktion. Seine umgangsprachliche Bezeichnung als „Ruhenerv“ kommt daher, dass er den Stoffwechsel reguliert und dem Aufbau der körpereigenen Reserven dient. Physiologische Anpassungserscheinungen sind u.a. eine Verringerung der Herzfrequenz, eine Sekung des Blutdrucks und eine Entspannung der Muskulatur. Neben dem Adrenalin gibt es noch ein weiteres wichtiges Stress-Hormon, das Cortisol. Neben der Stoffwechselaktivierung zur Energiegewinnung wirkt Cortisol schmerzreduzierund und hemmend auf die Immunabwehr. Im Gegensatz zu Adrenalin, das schnell gebildet und auch wieder abgebaut wird, wird Cortisol auf Vorrat gebildet und zwar vorwiegend in der zweten Nachthälfte und steht morgens maximal bereit. Im Laufe des Tages sinkt dieser Spiegel langsam ab, so dass am Ende des Tages nur noch ca. 10% des Morgenwertes vorhanden ist (Guyton, 2000).
Das Zusammenspiel der Stresshormone Adrenalin und Cortisol sowie dem Neurotransmitter Noradrenalin ist fein aufeinander abgestimmt und gibt ein Gefühl dafür, welche Reaktionen ein Ungleichgewicht in diesem Zusammenspiel auslösen kann. Ein Cortisolüberschuss kann u.U. zu Stoffwechselstörungen führen, wohingegen ein Mangel an Cortisol zu Entzündungen, Antriebsschwäche und Energielosigkeit führt.
In diesem Teil der Reihe „Optimierung der Wettkampfleistung“ wurde ein kleiner Einblick in die physiologische Stressreaktion des Körpers gewährt. In dem folgenden Teil der Beitragsreihe beschäftigen wir uns mit der psychologischen Persektive des Stressgeschehen, um abschließend mögliche Interventionstrategien ableiten zu können, um zum Wettkampf seine „peak performance“ abliefern zu können.